Wahr oder nicht wahr, das ist hier nicht die Frage


Der Glauben und Das Glauben, sind zweierlei Schuh –
gehören sie doch zusammen?

Heute möchte ich dir gerne eine Geschichte erzählen, die ich bisher noch niemals und niemanden, erzählt habe. Es ist eine sehr persönliche und auch unglaubliche Erzählung, deren Wahrheitsgehalt du sicherlich anzweifeln wirst. Das ist dein gutes Recht und niemand will dir dieses Recht, absprechen. Bedenke aber, es ist meine Geschichte, mein Erlebnis und auch wenn vielleicht der Wahrheitsgehalt ziemlich weit hergeholt scheint, ist sie dennoch passiert. Zumindest sprechen meine Erinnerungen darüber und diese Erinnerungen kann mir niemand nehmen, denn es sind meine. Mein vergangener Lebenswandel hat meinem Gedächtnis zwar einigen Schaden zugefügt und vieles aus meiner Kindheit und Jugend ist verloren gegangen, doch kommen mit zunehmenden Alter, immer mehr Erlebnisse und Begebenheiten zurück. Manchmal nicht besonders schöne (die hätten auch ruhig weiterhin begraben bleiben können), aber auch schöne Dinge die ich erlebt habe, schließen einige Gedächtnislücken. Seit vielen Jahren lebe ich in diesem alten Häuschen, was zu Urzeiten mein Opa meiner Oma gebaut hatte. Das war noch vor dem letzten Krieg, diesen schrecklichen. Leid und Tod, Elend und Hunger, viele Entbehrungen haben dann die nachfolgenden Jahre geprägt. Nachdem der Opa gestorben war, sind meine Eltern bei der Oma eingezogen, damit sie nicht so alleine ist und sie jemanden hatte der sich kümmert. Viele Reparaturen und Renovierungen haben diese Bleibe am Leben erhalten, die Oma wollte nicht in die Stadt ziehen. „Einen alten Baum, setzt man nicht mehr um“, hat sie immer gesagt.
So blieben auch wir, denn die Oma konnten und wollten wir nicht alleine lassen.  Inzwischen sind viele Jahre vergangen, vieles ist passiert. Die Oma ist zum Opa gegangen und wir zogen aus dem Anbau in das kleine Häuschen von der Oma. Heute lebe ich alleine hier, die Eltern sind verstorben und von meinen 3 Brüdern leben noch zweie. Die hat es in die große Stadt verschlagen und sie haben mir dann diesen Flecken Heimat überlassen. Ich hatte mich immer sehr verbunden gefühlt mit diesem Haus, mit all seinen Erlebnissen und Erinnerungen. Hier fühle ich mich wirklich so richtig daheim.

Heute ist der Heilige Abend – ich glaube, den 24.12. nannte man immer so. Ich kann es nicht so genau erinnern. Für mich war es nie sonderlich wichtig, das mit dem Heiligen Abend und Weihnachten, seit ich hier alleine wohne. Obwohl ich seit Anfang Dezember, eine dicke Kerze mir etwas Tannengrün auf meinem Wohnzimmertisch stehen habe. Aber auch nur weil draußen sehr viel Schnee liegt und das Grün so angenehm duftet. *seufz*  Ja, Weihnachten … … Neben der kleinen Leselampe liegt das aufgeschlagene Buch, welches ich grad lese (einen Fernseher habe ich nicht), so wie jeden Abend, mit einem Pott Kaffee und ein bis zwei Pfeifenköpfe voll Tabak. Heute war es spät geworden und ich hatte meinen Pott Kaffee total vergessen. Er war natürlich kalt. Da es mir nie etwas ausgemacht hatte auch spät Abends noch Kaffee zu trinken, machte ich mir noch einen neuen. Nun schaue ich aus dem Fenster, zünde mir eine neue Pfeife an und genieße den Duft von Kaffee und Rauch, der durch meine gute Stube zieht.
Viel war nicht zu sehen. Das warm gelbe Licht der Außenleuchte spendet nicht viel Helligkeit, aber es passte einfach zum (alten) Haus. Das war so heimelig gemütlich, so einladend für jedermann – es kam nur nie jemand. Schade *seufz* … …
Es schneit und ich sauge den aromatischen Duft von Kaffee und Pfeife, mit meinen Sinnen auf. Mein Blick geht in die Ferne, schweift in die Vergangenheit.

Es war auch Weihnachten, der sogenannte Heilige Abend.
Wir, also Mutter, meine Brüder, die Oma und ich, waren alle in der Küche und warteten auf die Bescherung. Mutter hatte uns selbst gebackene Kekse hingestellt und ich kann mich gut daran erinnern, dass sie immer sehr lecker waren. Vater war im Wohnzimmer und schmückte den Weihnachtsbaum, naja und die Geschenke packte er auch sorgsam um den Fuß des Baumes. Von wegen Weihnachtsmann oder Christkind. Son Quatsch.
Ich war wohl grad so 14 oder … halt, warte … ich war ja schon 15 Jahre alt. Vater hatte heute grad gesagt, wenn ich dann nächste Weihnachten 16 bin und ich meinen Segen von der Kirche erhalten habe, wäre ich ja Erwachsen. Und dann könne ich den Weihnachtsbaum mit ihm zusammen schmücken. Das war doch was. Zum einem gehörte ich dann zum erlauchten Kreis der Erwachsenen und Weihnachten würde dann wieder spannend werden für mich.
Meine kleineren Brüder wurden langsam ungeduldig und Mutter erzählte ihnen was vom Weihnachtsmann und dem Christkind und dem Stress den die Beiden hätten mit so vielen Kindern – und ganz sicher kommt er (oder sie) auch bald bei uns vorbei. Ich war nur gelangweilt, jedes Jahr die gleiche Show … … Also ich, ich glaube nicht mehr daran, an den Weihnachtsmann und so … aber wehe ich würde das laut sagen im Beisein meiner Brüder. Mutter hatte mir drastische Strafen angedroht, sollte ich das jemals zum Thema machen.
Ja, stimmt schon. Ja, so war es. Ich saß in meinem Lieblingssessel und schaute in das dunkle Fenster (mein Spiegelbild lächelte mich an), da waren wieder Bilder vor meinen Augen, kamen wieder einige „neue“ Details hervor. (Geht doch). Langsam überkam mich die Müdigkeit. Es schneite noch immer und spät war es heute. Eine Pfeife noch, dann war genug gedacht und der Kaffee war dann auch getrunken. Tief atme ich den Rauch ein und schaue wieder durch mein inneres Fenster … …

Drei oder vier Kekse nahm ich aus der Dose (Mutter schaute mich etwas schief von der Seite an. Sie konnte so etwas nicht leiden, einen zur Zeit, ließ sie uns immer wissen. Ich bekam bestimmt wegen der Weihnachtsstimmung keine Schelte) und setzte mich ans Küchenfenster. Das schwache Licht der Türlaterne reichte knapp bis zur Pforte und durch den Schneefall konnte ich nicht viel sehen. Fast hätte ich mich am Keks verschluckt und rang nach Luft. Da war doch jemand am Gartenzaun?!? Haben mich meine Sinne getäuscht? Ich wollte es grad zur Mutter rufen, dass jemand zu Besuch kommt, besann mich aber eines besseren. Auf Nummer sicher sollte ich lieber gehen, wollte ich mich nicht lächerlich bei meinen Geschwistern machen.
Also schaue ich wieder raus – da schleicht doch jemand am Anbau vorbei auf die Rückseite von unserem Häuschen. Und weg war der Schatten, etwas mehr wie ein Hauch von einer menschlichen Gestalt, dennoch nicht deutlich auszumachen. Total nervös nage ich an einem der Kekse und warte und warte … ich wage nicht meinen Platz am Fenster zu verlassen, dabei will ich doch nur einen Keks.
„Klaus gib mir doch mal einen Keks rüber!“
„Hol ihn dir doch selber, „Alter Mann“.“
„Ach bitte …“
Der Jüngste erbarmt sich meiner und bringt mir sogar zwei Kekse. Wie beide schauen nun durchs Fenster.
„Was machst du?“
„Ich schaue aus dem Fenster“
„Aber du kannst doch gar nichts sehen!“ – jetzt wollte unser Kleiner es aber wissen.
„Was machst du?“
„Ich schau in den Garten und warte auf den Weihnachtsmann.“ (Wenn ich geahnt hätte … …)
„Ohja, ich helfe dir!“
„Nee, lass man Kleener, ich sach dir als erstes Bescheid wenn ich ihn sehe, versprochen. Geh ruhig zu den anderen und lass mich bitte alleine, ich muss mal nachdenken. Kannst du das verstehen?“
Er nickt verständnisvoll und geht zurück zum Küchentisch. Plötzlich und völlig unerwartet – ich wäre fast vom Stuhl gefallen (Mutter fragt ob alles in Ordnung ist und ich solle doch aufpassen) – huscht da doch an unserer Haustür, son dicklicher Kerl in einem wallenden Mantel und mit so einer komischen Pudelmütze aufn Kopp vorbei, direkt zu meinem Fenster und glotzt mich an.
Ein freundliches, rundes Gesicht, mit einem weißen Rauschebart, hebt den Zeigefinger an die Lippen – soll wohl bedeuten ich soll stille sein – und grins mich einfach nur an. Ein Augenzwinkern und weg ist das Gesicht. „Mama …“ (habe ich immer als kleiner Junge gesagt) „Mama, da war …“
Ich drehe mich wieder zum Fenster, schaue noch einmal und da huscht der Schatten mitten durch den Gartenzaun und ist urplötzlich einfach weg, einfach so …
Mich hält nichts mehr auf meinem Stuhl. Renne zur Haustür und reiße sie mit einem Schrei auf – nichts, niemand da, nichts zu sehen.
Es schneit. Immer noch, und keine Fußspuren im frischen Schnee … …

Nun sag du mir bitte mal, was hätte ich damals sagen sollen. So ganz ohne Beweise. Der Gartenzaun war noch heile, keine Fußspuren im frischen Schnee und im Nacken die Strafen, die Mutter angedroht hatte, oder ja auch nicht … ich wusste nicht mehr wo mir der Kopf stand. Sollte ich jetzt urplötzlich behaupten, ich glaube wieder an den Weihnachtsmann und ich habe ihm direkt in die Augen geschaut? Ich habe IHN gesehen, wahrhaftig und in voller (dicklicher) Größe!
Sag es mir? Aber das kannst du wahrscheinlich auch nicht, weil du mir ja auch nicht glaubst. Aber diese Geschichte ist wahr. Ganz sicher, ich habe sie wirklich erlebt.
Glaubst du denn mir? *seufz*
Ich habe ihn wirklich gesehen, ich habe den Weihnachtsmann gesehen und ich glaube ganz fest daran, das es ihn gibt. Nein, nicht ganz richtig – ich weiß, dass es ihn gibt!!

Neulich hatte ich Besuch von meinem Sohn, mit Frau. Ich weiß nicht wie lange der letzte Besuch schon her ist.
Vivian (seine Frau) macht Kaffee und Kuchen haben die beiden auch mitgebracht (Kinder haben sie noch nicht, wollen erst einmal etwas schaffen und eine wichtige Position in der Firma inne haben). Schade, hätte zu Lebzeiten gerne noch Enkel auf meinen Knien „geschaukelt“ *seufz*.
Wir plauschen so vor uns hin und irgendwann kommt auch die Pflegedienstleitung noch dazu und plötzlich rauscht alles so an mir vorbei. Ich rede nicht mehr mit, es wird über mich geredet.
Wie schlimm es doch wieder mit mir war über die Feiertage und dass der Pflegedienst mich draußen im Schnee hat suchen müssen, weil ich den Weihnachtsmann suchte. Und das war noch nicht mal das schlimmste, ich war nur im Schlafanzug und hatte keine Schuhe an, hätte mir „ja den Tod holen können“ … blablabla … Was soll ich dir sagen, ich bekam noch ein super tolles Weihnachtsgeschenk von meinem Sohn, nachträglich. Er konnte ja nicht über die Feiertage vorbei kommen, die vielen Verpflichtungen und „du weißt doch Vati, es ist nicht immer so einfach“ … oder so ähnlich. Habe ich schon tausendmal gehört. Naja, jetzt will ich dir auch noch verraten, was ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe. Da es so nicht mehr geht und Sohnemann (und auch Vivian) schon jetzt so viel dazu bezahlen müssten, haben sie ein Pflegeheim ausgesucht für mich. Das wäre insgesamt gesehen günstiger und da wäre immer jemand, der sich um mich kümmern könnte. Ist auch ganz in der Nähe und super toll gelegen.
Ganz ehrlich, ich bin erschlagen von solch einer Großzügigkeit. Vor allem, weil ich ja auch gefragt wurde, ob ich das überhaupt will!
Ich will es doch nicht, dieses tolle Geschenk, niemand will mich hören, niemand will mich verstehen.

Ich will das nicht, dieses tolle Geschenk.
Ich will in meinem Häuschen bleiben.
Ich will meine Träume behalten.
Ich will ein klein wenig, ein selbstbestimmt Leben führen. Meine Worte werden nicht gehört. Sicherlich habe ich sie auch nicht gesagt, ich konnte vor lauter Enttäuschung, Wut und Hoffnungslosigkeit nichts sagen. Jetzt, genau jetzt, habe ich alles vergessen – es gibt mich nicht mehr, meine kleine heile und auch schöne Welt wurde von Menschen zerstört, die mich eigentlich lieben sollten – sie tun es aber nicht.

Und das alles nur, weil ich an den Weihnachtsmann glaube?

Epilog: Kein halbes Jahr nach dem Umzug in das Pflegeheim, ist der alte (an Demenz erkrankte) „Erzähler“ dieser kurzen Geschichte, eingeschlafen. Nachts, wo er noch träumen durfte und den Weihnachtsmann suchte, weil ihm niemand glauben wollte, das es ihn wirklich gibt. Wahrscheinlich hatte er den Weihnachtsmann gefunden, wer weiß das schon.
Aber er hat geglaubt, von ganzen Herzen und mir aller Kraft hat er an etwas geglaubt. In diesem Fall, konnte der Glaube zwar „keine Berge versetzen“, aber der Glaube hat den alten, kranken und einsamen Mann, glücklich gemacht.

Hätte der Sohn, seine Frau und auch der Pflegedienst etwas mehr Empathie gezeigt/gehabt, hätte mein Erzähler sicherlich noch gelebt und zwar glücklich, in seiner Welt, aber glücklich und zufrieden mit sich und seiner kleinen Welt. Mit seinem Glauben und seinen Hoffnungen ist er allein gelassen worden und ist daran wahrscheinlich zerbrochen, die Krankheit hat ihn mir aller Macht überrollt und niemand kann so wirklich sagen, ob der Tod nun seine Suche beendet hat, ob er (seinen) Weihnachtsmann gefunden hat.

Ein wenig mehr Empathie, Nächstenliebe, Verständnis für die Wünsche und unausgesprochenen Hilferufe, würde uns allen ganz gut zu Gesicht stehen. Fangen wir im Kleinen an, bei unserer Familie und wenn dann noch Kraft bleibt (je nach Lage der eigenen Situation, und ich meine nicht irgend so ein dusseligen Job), können wir zum Heimatlosen Nachbarn Achmet gehen und unsere Hilfe anbieten. Oder auch dem Arbeitslosen Jürgen mal ein Ohr leihen, oder unsere Hände, unser Verständnis. Und nicht gleich irgendeine Schublade aufmachen und rein mit denen die am Rande der Gesellschaft stehen.
Du stehst selbst am Rand der Gesellschaft? Dann sag es, sag es, dass du es so empfindest. Ohne Hass und Aggression, ohne zu pöbeln und Parolen zu grölen, dann sprich es aus, sag was dich bewegt und belastet. Aber tue es mit Empathie, auch für dich selbst und dann auch für andere. Es muss doch, verdammt noch mal möglich sein, anderen Menschen zuzuhören, ihren Glauben zu akzeptieren, niemanden wegen Rasse, Geschlecht, Krankheit, Behinderung, sexueller Neigung oder … oder … zu beschimpfen und zu diskriminieren.
Sag es mir, ob es möglich ist!
Ich glaube daran, das es möglich ist, genau wie der alte kranke „Erzähler“ an den Weihnachtsmann geglaubt hat – ohne irgendwelche Ironie, Spott oder Satire, glaube ich daran.
Und ich warne davor, jetzt einen Umkehrschluss aus dem letzten Satz zu konstruieren. Ich lasse ihn bewusst stehen, genau deshalb, weil er auch missbraucht werden kann. Aber wenn es dann so ist, zeigt es mir auch, welches Geistes Kind du bist.

Ich möchte in einer Welt leben (in meiner kleinen Welt erst einmal, das wäre der Anfang), in der ich glauben kann was ich möchte, in der ich einen Glauben haben kann, den ich möchte und in der Empathie kein Fremdwort mehr ist. Zeigen wir, also du ich ich fangen damit jetzt sofort an, zeigen wir mehr Respekt vor Anderen, für Andere.

Einen freundschaftlichen Gruß

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